Pünktlich zum Mai-Anfang ging es endlich los. Ein Jahr sind wir ab jetzt quer durch Europa unterwegs, auf der Suche nach den besten Kletterspots, tollen Leuten und vielen Abenteuern abseits der Felsen.

„Und, ihr seid bestimmt total aufgeregt, oder?“ Diese Frage haben wir in den letzten Wochen rund tausendmal beantwortet. Und immer war die Antwort: „Nö. Irgendwie nicht“. Und das war nicht nur so dahin gesagt. So sehr ich auch in mich hinein hörte, die erwartete Aufregung kam irgendwie nicht auf. Vielleicht weil wir zu lange geplant, organisiert und vorbereitet haben. Vielleicht weil wir in der Endphase auch so im Stress waren, dass sich der Start der großen Reise schon fast wie das Ziel eben dieser anfühlte.

Doch dann als endlich alles gepackt, die Wohnung übergeben, die Familien und Freunde verabschiedet waren und sich unser neues Zuhause auf vier Rädern um fünf Uhr morgens so langsam in Bewegung setzte, da wurde mir endlich bewusst, dass etwas unglaublich Spannendes, Großes und Wunderschönes vor uns liegt.

„Wir rollen.“

Unser neues Leben wollen wir gemütlich angehen. Geplant haben wir erstmal einen vierwöchigen „Testlauf“. Er führt uns erst nach Slowenien, Kroatien, Bosnien und Österreich. Danach wollen wir eine kurze Verschnaufpause in Nürnberg einlegen und nochmal Heimatluft tanken bevor es weiter in den Hohen Norden (und damit längere Zeit nicht in Richtung Frankenland) geht.

Nach einem mehrtägigen Zwischenstopp in Wien bei Chris Schwester, verließen wir die slowenische Autobahn schließlich in Richtung Osp. Vieles haben wir von diesem traditionsreichen Klettergebiet gehört, nicht immer Gutes. Auch der Campingplatz, insbesondere die Sanitäranlagen, wurde im Internet rüde zerrissen. Aber Moment mal, Campingplatz?! „Ich dachte ihr lebt voll wild im Auto, häää?“ mag jetzt so mancher von Euch laut denken.

Nach ausgiebiger Recherche in diesem Internet hatte sich herausgestellt, dass Slowenien hart gegen Wildcamper durchgreift und man mit sehr hohen Geldstrafen bei Verstößen zu rechnen hat. Das ist uns Erstens zu viel Risiko für die erste Reisewoche, und Zweitens sehen wir es nicht ein auf „Biegen und Brechen“ den „Dirtbag“-Style durchzuziehen.
Denn was spricht schon gegen eine ordentliche Dusche? Denn anders als im Internet vorhergesagt war das Wasser warm, der Boden sauber und auch die Toiletten in Ordnung. Kletterherz was willst du mehr.

Überhaupt haben wir so genug Zeit unseren voll beladenen Selbstausbau ausgiebig zu testen und bei der Kisten Auf- und Verteilung noch etwas nachzubessern.

Das Klettern in Osp ist anspruchsvoll. Glücklich wird man vor allem wenn man den sechsten Franzosengrad aufwärts beherrscht. Die Griffwerkzeuge werden mit einer bunten Vielfalt an Sintern, Leisten, Zangen und gelegentlich sogar Löchern gefordert. Bekannt ist Osp (und das benachbarte Misja Pec) aber wegen seiner langen, harten, stark überhängenden Routen. Es gibt alleine um die 100 Touren im Schwierigkeitsbereich 7b bis 8b+. Eine Gewisse Patina lässt sich bei diesem traditionsreichen Gebiet natürlich in jeder Route finden. Nachdem wir uns in einer erstaunlich gängigen 6b+ und einer ebenso netten 6c aufgewärmt hatten, wurden unsere Egos von einer „typischen Osp“ 6a wieder auf Spur gebracht.

Als wir am Abend erschöpft vom eher erfolglosen aber dafür lehrreichen Klettertag wieder am Campingplatz eintrafen, staunten wir nicht schlecht! Die leere Wiese hatte sich in ein Quasi-Partycamp für Slowaken verwandelt. Auto reihte sich neben Zelt, neben Auto, neben Zelt. Die Feuerstelle wurde bereits von einer mehrköpfigen Gruppe samt Bierkasten und Gitarre belagert. Eine Horde von Kindern versuchte sich auf möglichst unterschiedliche Art und Weise umzubringen, während die Mutter relaxt mit dem Zeltnachbarn quatschte. Während zwei Kinder eine offene Flamme fanden und begannen kleine Feuer in und auf der Campingplatzmauer zu legen – neben der 20 Liter Gasflasche – kletterte der Kleinste der Gruppe hoch in den Baum um dort am kleinsten zu findenden Ast zu schaukeln …

Dazwischen versuchten ein paar irritierte andere Campinggäste dem täglichen Leben nachzugehen. Man lerne: Auch in anderen Ländern gibt es verlängerte Wochenenden!

Das mussten auch die Münchner Hanne und Christoph feststellen, die etwas später an diesem Abend mit Ihrem VW-Büslein auf dem Campingplatz eintrafen und sich mit einem Platz direkt neben der Feuerstelle zufrieden geben mussten. Fail. Wir kamen schnell ins Gespräch. Hatten die beiden doch auch in der hiesigen fränkischen Metropolregion gelebt und auch noch gemeinsame Kontakte mit uns. Die Welt ist eben ein Dorf 🙂

Die Zwei sind bereits ein knappes halbes Jahr unterwegs und versorgten uns gleich einmal mit wertvollen Tipps für unsere zukünftigen Reiseziele. So mancher Wein, Whisky und ein wenig Bier leerten sich im Verlauf des netten Plauschs quasi ganz von allein.

Nach einer unruhigen Nacht entschieden wir uns für etwas Distanz zur Campingplatz-Meute und damit für das etwas weiter entfernte Črni Kal als Kletterziel. Das Gebiet ist riesig und liegt an einem imposanten, mehrere Kilometer langen Felsriegel. Die Schwierigkeiten sind eher gemäßigt, es gibt Schatten und eine gigantische Auswahl. Bei gutem Wetter genießt man in nahezu jeder Route den Panoramaausblick über die nicht weit entfernte Autobahnbrücke bis hinüber nach Triest. Ein mulmiges Gefühl hatten wir trotzdem als wir unsere Nouki auf den Überresten einer zerschlagenen Autofensterscheibe parkten. Die Nähe zur Autobahn schreit natürlich gerade zu nach Diebesbanden, die sich über die geparkten Autos hermachen. Also lasst keine Wertgegenstände im Auto liegen!

Am Abend setzte dann Regen ein und da dies immer ein guter Grund für einen Reisetag ist, verließen wir Osp am nächsten Morgen in Richtung Rovinj, Kroatien.

Bye bye Slovenia – hello Croatia!