Man packe gute Freunde, eine GoPro und diverse Smartphones in zwei Autos und schipper sie nach Bella Italia. Genau genommen nach Finale Ligure – dem Klettermekka jenseits des Frankenjuras.

Man pimpe das Ganze durch T-shirt-Kletterwetter-Garantie an Neujahr, Palmen, Plaisir-Routen, und einem riesigen Felsphallus – samt einer Tour die tatsächlich „Mittelnaht“ heißt – und fertig ist der Traumurlaub.

Direkt nach den Weihnachtsfeiertagen ging es für unsere lustige Truppe los auf den elfstündigen Automarathon gen Finale. Ermüdend, klar, aber die Freude auf perfekten Kalk und das weltbeste „Foccacia cipolla“ wirkt so anziehend, dass sich der Trip auch schon für eine Woche Aufenthalt rentiert.

Das Wetter in Finale scheint eine Sonnen-Garantie zu haben.
Von Mailand bis nahezu an die Küste gibt es Schnee, Regen, Wind, dunkle Wolken – und das alles Nahe dem Gefrierpunkt. Doch jeder Kilometer der uns näher an Finale bringt, bringt uns auch näher an die Sonne. Die Displays mit Temperaturanzeigen über den unzähligen Tunneln, die Finale Ligure vom bergigen Inland trennen, prohezeihen steigende Werte im Minutentakt. Bis der Anzeiger auf wohlig warmen 16° C stehen bleibt.

Finale Ligure selbst hat Hochsaison. Sportler-Hochsaison. Im Städtchen hängt die Weihnachtsbeleuchtung unter den Palmen, Rennräder und Mountainbiker gönnen sich in kurzen Radlerhosen einen Zwischenstopp in der Eisdiele. Jogger dehnen sich am Strand. Ein Mann mit komplett steigeisenfesten Alpinstiefeln (Gott weiß warum, es hat fast zwanzig Grad!) interessiert sich für den Schießstand auf dem kleinen Volksfest entlang der Strandpromenade und
die T-Shirt tragenden afrikanischen Strandverkäufer bieten den italienischen Touristen Daunenjacken an.

Den ersten Klettertag verbringen wir im Sektor „Parete Dimenticata„. Und das hat einen Grund: Die Grotta Dell’Edera. Eine wunderschöne Grotte, durchsetzt mit mehreren steinernen Torbögen durch die das Licht scheint. Die Klettereien sind hier allerdings eher anspruchsvoll und unter 6a+ ist keine Tour zu finden. Dafür ist das Ambiente mehr als nur beeindruckend.

Grotta dell'Edera aus GoPro-Perspektive
Grotta dell’Edera aus der GoPro-Perspektive

Wir amüsieren uns gerade außerhalb der Grotte bis es aus dem Nachbarsektor ein kurzer Schrei ertönt. „Ah da strengt sich wohl jemand sehr an“ denken wir.
Doch keine zehn Minuten später ertönen Sirenen und das Dröhnen von Propellern. Unten im Tal zieht sich eine Schlange von Rettungswägen durch die schmalen Straßen und direkt über uns kreist, keine 30 Meter entfernt, eine gute Stunde lang der Rettungshubschrauber. Mit einem extrem unguten Gefühl ist zumindest für mich der Klettertag gelaufen – das Ganze wühlt mich doch ein wenig auf, obwohl wir streng genommen überhaupt nichts mitbekommen haben. Die kurze Erinnerung daran, dass das was wir da tun doch irgendwie gefährlich sein kann hat ihren Sinn erfüllt.

Mehrseillängenspaß in super Wasserrillen
Mehrseillängenspaß in super Wasserrillen

Die nächsten Tage sind voller Traumtouren, Traumsektoren und an einem Tag auch Plaisir-Mehrseillängentouren. Optimal abgesichert, durch tiefe Wasserrinnen und Verschneidungen geht es an den perfekt eingerichteten Standplätzen hinauf.
Einziger Wermutstropfen: Ein altes italienisches Ehepärchen, er so 65, sie so 60, sind einfach immer schon vor uns oben. Während das Ego noch leidet, äußerst jeder von uns mindest einmal den Wunsch wie schön es doch wäre im Alter noch so fit zu sein wie diese Beiden. Selbst als Michi der Dame das Seil beim Abseilen mitten ins Gesicht wirft hat diese nur ein freundliches „Ciaoooo, Ciaaaoooo“ für ihn übrig.

Der Sektor "Tre Frati" mit seinen außergewöhnlichen Felsstrukturen
Der Sektor „Tre Frati“ mit seinen außergewöhnlichen Felsstrukturen
Das Meer ist immer in Sichtweite
Das Meer ist immer in Sichtweite

Ein absolutes Highlight stellte für uns alle der Sektor „Tre Frati“ dar. Nun was soll ich sagen – wir sind halt Kinder im Geiste. Unglaublich wie sehr ein Stein in Form eines männlichen Phallus die Gemüter erfreuen kann. Die Route „Mittelnaht“ – ein sensationeller Name für einen schmalen Riss der bis hoch zur steinerenen Eichel verläuft – führt direkt bis ganz oben. Bewertet ist die Tour mit 6a, belohnt wird man mit einem Wahnsinnsausblick über das komplette Tal bis hin zum Meer und schönen Poserbildern für Zuhause.

Bei all den Erlebnissen ist es ja auch Gott sei Dank nicht so schlimm, dass wir Silvester einfach verpennt haben.
Ciao Finale, see you next year!