Eigentlich war für den Oktober ein zweiwöchiger Klettertrip mit Sabrina und Tom nach Bosnien geplant. Routen einbohren, unberührten Fels klettern, die südseitige Ausrichtung der Wände genießen und bosnische Hausmannskost schlemmen. Die Bohrhaken waren gekauft, Tom hatte zwei Akku-Schlagbohrer besorgt und das Auto war fertig gepackt. Noch ein kurzer Blick auf den Wetterbericht kurz vor der Abfahrt und unsere Gesichter wurden lang: Aus dem noch am Vortag angekündigtem perfekten Herbstwetter mit 20 °C und nur einem Tag Regen waren auf einmal 8 °C tagsüber und bis zu -5 °C nachts geworden. Selbstverständlich war die Regenwahrscheinlichkeit auf mindestens 50% (und das an jedem Tag) gestiegen. Was tun? Das Wetter ignorieren und allen Wetterportalen zum Trotz doch runterfahren? Zwei Tage Hin- und Rückfahrt waren uns das Risiko dann doch nicht wert und sowohl Sabrina und Tom als auch Viola und ich packten alle Topos aus die wir finden konnten um auf die Schnelle noch einen neuen, wärmeren und trockeneren Spielplatz für die nächsten zwei Wochen zu finden.

Nach einigem hin- und hergetelefoniere viel die Wahl auf Südfrankreich, genauer gesagt Buoux. Topo hatten wir zwar keinen, doch Tom fuhr auf dem Weg noch in Karlsruhe vorbei und organisierte einen.

Innenasicht_Camper
Buoux wir kommen! Kurzer Nachtstopp in Baume les dames

Und so ging es Samstag früh gegen halb acht los auf die Autobahn Genitialien. Ähm ne gen Südfrankreich. Pardon. Nach einem kurzen nächtlichen Zwischenstopp in Baumes les Dames – einem sehr schönen kleinen Ort inmitten eines Klettergebietes – der Topo wurde an Ort und Stelle gekauft und noch am selben Abend genaustens inspiziert, kamen wir Samstagnachmittag auf unserem Campingplatz im sehr pittoresken Dörfchen Bonnieux an.

Am frühen Abend trafen dann auch Tom und Sabrina ein. Sie hatten nachmittags schonmal das Gebiet angeschaut und waren sichtlich beeindruckt von den Wänden in Buoux. Voller Vorfreude ging es früh ins Bett und pünklich um halb sieben wurden wir von einem landenden Flugzeug geweckt. Dieses stellte sich später als die betagte Standheizung von Toms T4 heraus. Sie sollte auch die nächsten drei Nächte unser verlässlicher Wecker bleiben… 😉

Nach einem kurzen Frühstück ging es los und nach ca. 20-minütiger Autofahrt und 15-minütigem Zustieg standen wir vor dem auserwählten Sektor des Tages: Styx Wall und Turbo Chiba Facho.

Um den Tag kurz zusammenzufassen: Wir bekamen alle eine ordentlich Klatsche!

Die Kletterei in Buoux, richtig ausgesprochen übrigens „Biuks“, ist der in Franken erstmal sehr ähnlich. Das heißt es gibt Löcher. Allerdings auch nur auf den ersten 20-30 Metern, danach gibt es immer, ja wirklich IMMER, eine Abschlussplatte der miesen Art. Miese Art bedeutet: Gar nicht leicht, Hakenabstände jenseits der 6 Meter-Marke.

Die Touren an sich sind fast ausnahmslos sehr lang und auch sehr schön, oft aber leider auch ganz schön speckig. Wer sich DEN Klassiker in Buoux schlecht hin „La Rose et le Vampire“ (8b) mal aus der Nähe anschaut, wird verwundert sein wie speckig eine Tour in einem so anspruchsvollem Grad überhaupt sein kann.
Im Topo findet man auch aufschlussreiche Beschreibungen wie in etwa: „Die 6bs sind nicht schwerer als die 6as. Wobei dies mehr über die 6as sagt als über die 6bs.“. Auch schön: „Meide die Touren bei Sonne, es sei denn du leidest gerne“.

All das hat wahrscheinlich seinen Teil dazu beigetragen, dass Buoux etwas aus der Mode gekommen ist. Dabei verdient das Gebiet Besseres. Ja, es ist hart. Ja, es ist speckig. Ja, es ist gruselig. Aber es ist auch wunderschön, technisch und beeindruckend. Ehrlicherweise muss man gestehen: Freude hat man in Buoux erst wenn man solide 7a-aufwärts klettert. Deshalb hatten auch Tom und Sabrina deutlich mehr Spaß als wir 😉 Immerhin konnte ich eine 6b Reibungsplatte onsighten was mein stark angeschlagenes Ego wenigsten wieder ein bißchen kitten konnte.

Okay, und jetzt jammern wir mal auf extrem hohem Niveau: Es war auch noch viel zu heiß zum Klettern. Drei Tage bei 25 Grad (im Schatten!) in einer riesigen Südwand mit hohem Speckfaktor reichten aus um die Flucht in etwas kühlere Gefilde anzutreten: Weiter ging es nach Orpierre!

Nach Buoux verlangten unsere zerrütteten Gemüter, unsere zerbrochenen Egos, nach Liebe und Zuneigung. Am Besten in Form von Plaisirhakenabständen, wenig Zustieg, kühleren Temperaturen und endlich einem französischem Erfolgserlebnis!

In Orpierre gab es von all dem reichlich. Die Routen sind allesamt fantastisch abgesichert, es gibt eine breite Auswahl an unterschiedlich ausgerichteten Sektoren in allen Schwierigkeitsgraden und das Auto kann während des gesamten Aufenthalts auf dem Campingplatz stehen bleiben.Nicht nur wir wurden davon magisch angezogen sondern auch ein belgisches Pärchen, das wir bereits in Buoux kennen gelernt hatten: Sien und Stefan sollten unsere stetigen Begleiter in Orpierre werden.

Gemeinsam richteten wir uns auf dem Campingplatz häuslich ein, schmetterten gemeinsam die Gospelsongs die in Endlosschleife in der Dusche und der Toilette des Campingplatzes liefen, teilten Gear, Routen, Cornflakes und den Heizstrahler im eigens aufgestellten belgischen Partyzelt. Okay, eigentlich teilten Sien und Stefan das alles mit uns, sie übersetzten sogar die Speisekarte für uns und bestellten im Restaurant. Wir konnten also weit aus weniger zur unserer kleinen Gemeinschaft beisteuern als unsere belgischen-Schokoladen-Liebhaber, ABER wir haben die Beiden so richtig ins Herz geschlossen!

Zurück zu Orpierre: Glücklich wird man hier vor allem als ambitionierter Plaisirkletterer. Das heißt ab 6a+ aufwärts! Klar gibt es auch unendlich viele leichte Touren, aber im Ernst: Nachdem an die hunderttausend Großfamilien im Toprope darübergerutscht sind, ist von den Touren nicht mehr viel übrig. Eine besonders grausige Entdeckung: Um einem extrem speckigen, bereits zum Spiegel transformierten 5b-Albtraum wieder kletterbar zu machen, wurde Beton auf die polierten Tritte und Griffe verteilt, um wieder einen Hauch von Grip zu simulieren.Will man dieses Routenarmageddon vermeiden steigt man am Besten in keine Tour unter 6a+ ein.

Nimmt man einen etwas längeren Zustieg in Kauf, zum Beispiel um zum Sektor „Les Blaches“ zu gelangen, wird man mit langen, rauen Hammertouren belohnt. So macht Klettern Spaß und wir erreichten endlich, Gott sei Dank, auch einmal die eine oder andere Umlenkung.

Während Viola bei „Restday“ an gemütliches Flanieren in einer französischen Kleinstadt mit Croissant in der Hand dachte, hatten Sien, Stefan und Ich andere Pläne. Ausruhen kann jeder, lasst uns am Restday lieber einen Klettersteig machen! Und so ging es auf nach Le Caire um den beliebten Klettersteig „Via Ferrata de la Grande Fistoire“ (D/E) zu machen. Das geile an dem Klettersteig ist, dass man im Abstieg über drei Zip-Lines (die Längste weit über 200 m lang) ballert und sich so viel Fußmarsch erspart. Ungewöhnlich (verglichen mit den Klettersteigen hierzulande oder in AT/IT) ist allerdings, dass der Klettersteig Eintritt kostet. Die 5€ sind allerdings sehr gut investiert, denn der Steig ist perfekt gesichert und in einem top Zustand.

Vielleicht war es dem eher anspruchsvollem Restday zu schulden, dass von den drei Projektaspiranten Chris, Viola und Stefan nur der Letzte die ausgesuchte 7a/7a+ erfolgreich Rotpunkten konnte. Sien hingegen war ebenfalls sehr erfolgreich und wir gratulieren an dieser Stelle noch einmal zur ersten 6a+ 🙂

Um unsere Zeit in Orpierre würdig abzuschließen durfte eine Besteigung des Hausberges „Quiquillion“ natürlich nicht fehlen. Das Wetter wollte uns den nahenden Abschied erleichtern und zeigte sich am letzten Tag eher gemäßigt. Es war arschkalt geworden.
Beste Voraussetzungen für eine kleine Mehrseillängentour, vor allem wenn es wie für Sien die Erste überhaupt ist.

Die Tour „La grotte“, 150 m, bietet sechs Seillängen (5b,5c,5b,5c,5a,5b) in unterschiedlichstem Gelände: Platte, senkrechte Kletterei, kleiner Überhang, verblockter Quergang. Trotz der niedrigen Grade gab es wenig Speck – die erste Seillänge wird zum Topropen missbraucht und wird von dieser Behauptung mal ausgenommen – und man hat verdammt viel Luft unter dem Hintern.
Auf jeden Fall eine spitzen Tour die nie wirklich schwer wird und bei ein paar Grad mehr sicher absoluter Genuss ist. So war zwar die Kletterei klasse, nur gefroren haben wir wie Bolle.

Nachdem manche Personen *hustviolahust* nicht abseilen wollten, stand noch ein abenteuerlicher Gipfelgrat, teilweise mit Drahtseil gesichert, stellenweise ungesichert, für den Abstieg auf dem Programm.
Für Siens Einführung in das „Mehrseillängenbusiness“ definitv ein zackiger Tag und so kann ich sie verstehen, wenn sie erstmal keine weiteren Multipitches auf dem Plan hat. (quote Viola)

Jetzt sind wir also wieder zu Hause im schönen Frankenjura und wünschen uns wieder zurück nach Frankreich. Wir sind uns sicher: Sabrina, Tom, Sien und Stefan geht es genauso.
Einzig auf die französischen Stehklos kann glaube ich jeder der oben genannten Personen verzichten.

A bientôt Frankreich und bonjour beaucoup!