Das Edelrid OHM ist wahrscheinlich DIE Produktneuheit des Jahres: Ein Gerät, dass in der ersten Exe installiert für mehr Widerstand zwischen Kletterer und Sicherer sorgt. Zumindest Seilschaften mit großem Gewichtsunterschied haben darauf sicherlich lange gewartet.
Vorbei die Zeiten in denen man Sandsäcke mit an Felsen und in die hiesigen Hallen schleppen musste. Vorbei die Zeiten in denen man als leichter Sicherer dem schweren Kletterer einen anderen Sicherungspartner empfahl – oder gleich eine andere Route – weil man den Sturz des Vorsteigers schon fürchtet bevor sich der Seilpartner überhaupt eingebunden hatte.

Edelrid OHM. Bild mit freundlicher Genehmigung von Edelrid

Wir können ein Lied davon singen. Denn zwischen mir und Chris liegen geschmeidige 30 Kilo Gewichtsunterschied. Wir haben also dieses Wunderwerk der Technik getestet.

Das sagt der Sicherer

Vorab: Ich sichere zumindest in Sportkletterrouten ausschließlich mit einem GriGri2 und gebe sehr wenig Schlappseil.

Seitdem ich das OHM benutze habe ich meinen Sicherungsstil verändert, denn dank OHM kann ich jetzt mit deutlich mehr Schlappseil sichern. Das macht mich flexibler beim Sichern und ist für meine Vorsteiger, das wurde mir zumindest versichert, auch angenehmer zu klettern.
Dieser Wandel hin zu einem dynamischeren Sichern hat vor allem mit der Funktionsweise des OHMs zu tun.

Denn ein typisches Clip-Szenario ohne OHM sah bisher so aus: Der Kletterer nimmt seine Hand ans Sicherungsseil und ich als Sicherer ziehe parallel zum „ersten Ruck“ Seil aus. Das funktioniert mit dem OHM nicht.

Ist zu wenig Schlappseil vorhanden rutscht das OHM direkt in den Blockiermodus. Das heißt der Kletterer kann die nächste Exe nicht mehr clippen weil er kein Seil mehr herausziehen kann. Dieser Zustand lässt sich nur lösen, wenn der Vorsteiger das Seil noch einmal komplett aus der Hand lässt und es anschließend neu aufnimmt.

Mit dem OHM gebe ich nun also einfach ein wenig mehr Schlappseil und kann mich am Wandfuß freier bewegen.

Schlechte Neuigkeiten übrigens für die Fraktion Sicherer, die liebend gerne 5 Meter von der Wand wegstehen um sich dort am nächsten Baum anzulehnen. Bei Gebrauch des OHMs sollte man generell nahe am Wandfuß stehen, da bei einer zu großen Distanz zur Wand das Gerät blockiert. Edelrid schlägt in der Gebrauchsanleitung einen Abstand von rund einem Meter zur Wand vor.
Dieser Mindestabstand muss auch zwingend eingehalten werden. Steht man direkt unter dem ersten Haken rutscht das OHM bei einem Sturz nicht in seine Blockierposition und bietet keinerlei Unterstützung! 

Und funktioniert es denn jetzt auch? Oh ja, es funktioniert!
Beim Sturztest in der Halle offenbarte das OHM sein Können.

Das OHM im Einsatz. Bild mit freundlicher Genehmigung von Edelrid | Claudia Ziegler

Der Sturztest

Das bisherige Trauerspiel beim Sturztest ohne OHM: Klettert Chris an einer Kletterwand mit sich übereinander befindenden Haken, sprich wenig Reibung, die ca. 13 Meter bis zum Umlenker und springt in die letzte Exe, zieht es mich mit brachialer Gewalt in den ersten Haken. Auch ein aktives „Reinsetzen“ und Seil einziehen ändert nichts daran, dass sein Sturz erst in paar Meter vom Boden entfernt endet und ich lediglich durch die erste Exe gebremst werde.

Das selbe Szenario mit OHM: Mit dem selben Sicherungsverhalten kann der Sturz auf 3–4 Meter statt der ursprünglichen 8 Meter reduziert werden. Ich hebe zwar vom Boden ab bis das OHM „greift“, hänge aber schon nach 50 Zentimetern wieder im Seil.

Das ist richtig klasse! So sind auch Stürze vor dem fünften Haken endlich kein Problem mehr und ich muss nicht ständig Angst haben einen Kopf kürzer zu werden wenn Chris doch mal stürzt.

Sicherungsfehler kann das Gerät aber natürlich trotzdem nicht relativieren. Das OHM ist kein Freifahrtschein für fahrlässiges Sichern. Ganz im Gegenteil. Durch die Notwendigkeit von genug Schlappseil, ist vorrausschauendes Sichern gefragt, vor allem beim Clippen.

Das Ablassen eines Kletterers:

Witzigerweise ist die Reibung so hoch, dass das GriGri beim Ablassen kaum noch blockiert. Im Gegenteil. Ich muss sogar noch aktiv Seil in mein Sicherungssystem reinschieben, um meinen Kletterpartner wieder in Richtung Boden zu befördern. Das ermöglicht ein wirklich komfortables Ablassen des Kletterers.

Hierbei tauchen aber auch zwei potentielle Risiken auf:
1. Das OHM ist leichter zu entfernen, wenn der Kletterer es beim Ablassen zunächst aus dem Haken entfernt und anschließend das Gerät öffnet, um das Seil zu entfernen. Fällt ihm Das OHM hierbei aus der Hand und rutscht am Seil in Richtung Sicherer, kann das richtig weh tun. Denn das OHM ist mit 480 Gramm wirklich ganz schön schwer.

2. Entfernt der Kletterer das OHM tatsächlich aus Haken und Seil, ist die Reibung natürlich schlagartig weg. Ergo: Der Kletterer wird von einer Sekunde auf die andere wieder so schwer wie ohne OHM. Hier ist besondere Vorsicht geboten.

Jetzt kann der schwere Kletterer das OHM natürlich auch im ersten Haken hängen lassen. Will der leichte Sicherer aber danach ebenfalls vorsteigen, muss er es am ersten Haken selbst gegen eine normale Expressschlinge austauschen. Und was macht man dann mit dem OHM? Ich muss gestehen, ich habe keine Lust das Ding an meinem Gurt bis nach oben mitzuschleppen. Nicht nur weil es einfach schwer ist, sondern weil es auch die Verletzungsgefahr bei einem Sturz erhöht. Ich möchte es zumindest nicht gegen meinen Oberschenkel geschleudert bekommen! Und nach unten werfen? Dann wären wir wieder bei Risiko 2 – „Ich erschlage meinen Sicherer“ 😉

Das sagt der Kletterer:

Vor dem Klettern muss ich (Chris) das Seil in das OHM einlegen und mir dem Gerät an den Gurt hängen. Das Einlegen funktioniert supereasy und fast idiotensicher – wie auch beim GriGri sind auf dem OHM eindeutige Symbole eingelasert welche die richtige Seilführung zeigen.

Hat das OHM für mich als Kletterer irgendwelche Nachteile? Da ich das Gerät nur bis zum ersten Haken tragen muss ist mir das Gewicht relativ egal, aber man sollte sich vorher schon überlegen mit welcher Hand man den ersten Haken clippen wird. Gerade wenn das Gelände etwas anspruchsvoller ist und das OHM auf der falschen Seite des Gurtes hängt kann das schon ein wenig Nerven kosten.
Das Seilausholen funktioniert genauso wie ohne das OHM. Die einzige Situation in der es manchmal hakt ist, wenn der Sicherer deutlich weiter als die empfohlenen 1,5 m von der Wand wegsteht. Das ist meistens der Fall wenn der Wandfuß vorgesetzt ist. Ansonsten klettert es sich mit dem OHM genauso wie ohne 🙂

Die Stürze sind zwar kürzer und enden etwas abrupter als gewohnt, sind aber nach wie vor sehr weich.

Unser Fazit:

Nach einer kurzen Eingewöhnungsphase integriert sich das OHM super in den normalen Sicherungsablauf. Bis auf die Tatsache, dass am Anfang noch ein Punkt zur Partnercheckliste hinzukommt merkt man beim Sichern kaum einen Unterschied. Kommt es hingegen zu einem Sturz entfaltet sich die volle Kraft des handlichen Gerätes. Klettertage werden sicherer und entspannter, beim Ablassen bleiben beide Füße am Boden. Einzig bei der Entfernung des OHMs ist Vorsicht geboten. Das OHM ist aber kein Freifahrtschein zu fahrlässigem oder schlechtem Sichern.
Wir sind davon echt begeistert und das OHM gehört für uns ab jetzt zum Standardequipment. Prädikat: Darf bei keinem Kletterausflug mehr fehlen!

4,5 von 5 möglichen Edelweißen

Vorteile

  • Kurze und sichere Stürze
  • Stabiler Stand beim Sichern
  • Mehr Dynamik beim Sichern
  • Gutes Handling
  • Hochwertige Verarbeitung

Nachteile

  • Teuer (UVP 120€)
  • Mehraufwand beim Routenabbau
  • Hohes Gewicht