10 Stunden und 8 Minuten. Solange fährt man von Nürnberg aus bis in das kleine Dorf Baraći, irgendwo in Bosnien.
Das war eigentlich auch schon alles was wir über das Land und das Kletterfestival wussten. (Ausgenommen der recht unschönen jüngsten Vergangenheit) Irgendwie schlecht vorbereitet, aber mit dem Nötigsten ausgestattet (Ausweise, Greencard fürs Autolein, Krankenscheine, Mega gute Laune) tuckerten wir in unserer Nouki los in Richtung Bosnien.

Nach einem kurzen Zwischenstopp im regnerischen Slowenien überquerten wir am folgenden Tag die bosnische Grenze in Richtung Banja Luka. Mein erstes Mal außerhalb der EU, spannend! 😉
Und das Abenteuer beginnt mit der Autobahn:
Im gesamten Land existieren gerade einmal 40 Kilometer – und die sind leer. Gigantische Parkplätze in der Größe eines Fußballplatzes wechseln sich mit nicht fertiggestellten Ausfahrten ab.
Einzig die Driftspuren der bosnischen Jugend lassen den Schluss zu dass hier ab und zu mal ein Mensch anhält, oder zumindest in die Bremsen steigt.

Die vom Veranstalter veröffentliche Route zum Festival haben wir auf die Rückseite eines Kassenzettels gekritzelt. Es geht an Banja Luka vorbei durch den Tijesno Canyon, der sich keine 12 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt vor uns erstreckt. Mit dem tosenden Vrbas-Fluss und diversen Hundertmeter-Wänden zu unseren Seiten wird uns die Schönheit dieses Landes schon einmal imposant näher gebracht.

Diverse Stationen folgen, bis wir am späten Abend in absoluter Dunkelheit auf eine Schotterpiste abbiegen. Laut GPS und Beschreibungen sollten wir hier richtig sein. Also nur Mut und los geht’s!

Die Schlaglöcher werden irgendwann so groß und so häufig, dass ein Umfahren unmöglich wird. Das lässt die Breite der Kiesel-Pfützen-Ansammlung (Straße trifft es irgendwann nicht mehr so richtig) aber eh nicht zu. Die Bäume kratzen schon an allen Seiten am Auto und die nagelneuen Solarzellen bekommen so einiges ab.

Nach 8 Kilometern sind die Nerven am Ende. Tanjas Kupplung raucht, wir stehen mitten im Nirgendwo, außer ein paar unbeleuchteteten Häusern irgendwo oberhalb der unendlichen Wiesen ist nichts zu sehen. Hier soll übermorgen ein Festival starten? Wir können es nicht glauben. Wo wir sonst hin sollen wissen wir allerdings auch nicht und die lange Autofahrt sitzt uns schon tief in den Knochen – also übernachten wir einfach neben der Piste.

Am nächsten Morgen sieht die Welt Gott sei Dank auch schon ein bisschen freundlicher aus. Die Häuser sind wohl doch nicht so verlassen – Immerhin hat der Bauer direkt neben uns die Kühe angebunden. Die Sonne scheint, das Frühstück schmeckt und als wir kurz darauf auf Erkundungstour gehen können wir es kaum glauben:
Wir stehen auf einem riesigen Klettergebiet. Kilometerlang erstreckt sich die Abbruchkante „Pecka“ unter uns. Das Gebiet besteht aktuell aus 12 Sektoren mit weit über 100 Routen von 4 bis 8c+ und undenlich viel Potential für unzählige weitere Touren. Wir gewöhnen uns an Fels und Sonne im Sektor Plazma. Hier gibt es viele schöne Touren bis 6a – besonders „Bambi“ und „Suck my plazma“ waren Plaisir pur!

Nach und nach trudeln dann auch Menschen ein. Unter anderem David, seines Zeichens ursympathischer Österreicher, der sein Freiwilliges Soziales Jahr in Banja Luka beim hiesigen Pendant des Alpenvereins verbringt. Als Organisator kennt er die Gegend natürlich bestens und gibt uns gleich mal eine Führung. Neben Traumtouren und unendlichem Felspotenzial erfahren wir, dass für die Zukunft einiges geplant ist. Im Tal wird gerade ein Hostel gebaut, das sich vorallem auf Wanderer und Mountainbiker spezialisiert hat, aber definitiv auch den Kletterern zu Gute kommen wird.
Im Dorf wird Käse hergestellt und Brot gebacken. Außerdem wird Schnaps gebrannt. Und der ist so gut, dass er selbst in Banja Luka sehr beliebt ist! Also: Nicht lange warten und ab zu den freundlichen Dorf-Bewohnern. Herzlich werden wir begrüßt, bekommen dank Davids Übersetzung einen riesigen Laib Brot und ein Kilo Käse in die Hand gedrückt. Bezahlt werden kann mit Euro, aber bloß kein Kleingeld bitte 😉 Dazu gibt es natürlich ein paar Runden vom feinem selbstgebrannten Zwetschgenschnaps. So lässt sichs leben.

Am nächsten Tag erwartet uns Traumkletterei im Sektor „Plaža“, was soviel wie „Strand“ heißt. Angeblich hat in Urzeiten das Meer genau bis zu dieser Klippe gereicht und wenn man die Augen schließt und tief einatmet, duftet die Luft wohl noch nach Meeresbrise. Mehrfach vielen an diesem Tag die Worte „Margalef Style“.

Der Klassiker schlecht hin ist die Tour „The Beach“ (6b): 30 Meter senkrechter Genuss an Löchern. Die Kletterei ist, wie im gesamten Gebiet, technisch und verlangt eine gute Fußtechnik sowie eine ordentliche Portion Ausdauer. Das geübte Frankenauge bewährt sich zumindest schoneinmal bei der Griff- und Trittauswahl. Auch die übrigen Touren sind mehr als lohnend und bombastisch abgesichert und mit ein wenig Schmerztoleranz lässt es sich hier auch mit angebrochenen Rippen klettern… fragt mal Chris 😉

Besondere Vorsicht ist übrigens vor den Schlangen geboten. Ein Biss kann durchaus ernste Folgen haben und das nächste Krankenhaus ist dann doch fast eine Auto-Fahrstunden entfernt.
Gott sei Dank habe ich das noch nicht gewusst als mir auf dem Weg zum Umlenker aufeinmal entgegengezischt wurde und ich langsam aber bestimmt den Rückzug vor der schwarzen Schlange angetreten habe. Es blieb ein echt mulmiges Gefühl bei jedem Griff in ein tiefes Loch.

Unsere Haut wurde während des Trips ordentlich in Mitleidenschaft gezogen – so scharf, rau und ungeklettert waren die meisten Routen. Dafür gab es Erstbegehungen praktisch en masse – viele Touren sind im Topo noch mit einem dicken Fragezeichen versehen und warten auf Ihren Bezwinger.
Unser lieber Tobi entschied sich kurzerhand dazu selbst eine Tour einzubohren. Mit „Tobi or not to be“, wie er seine Tour vollkommen selbstlos genannt hat, ist Pecka nun um einen Ausdauerhammer reicher. Aufgrund gigantischen Hautverlustes und anspruchsvoller Schwierigkeit – man munkelt es könne sich um eine 7c handeln – ist die Tour leider noch ein offenes Projekt.

Am Abend erwartete uns ein Waldkino mit lokalen und internationalen Kletterfilmen. Im Anschluss wurde unter einer im Baum hängenden Diskokugel samt Tanzfläche zu Elektrobeats léger abgezappelt. Die Bar konnte sich ebenfalls sehen lassen und mit Vorlage des Topos konnte man unkompliziert ein Bier und einen guten Selbstgebrannten einsacken – Prost!

Am nächsten Tag gab es dann noch eine Überraschung: Völlig unverhofft wurden Tanja und ich zu den „stärksten“ anwesenden Frauen gekürt. Wir nehmen das mal stillschweigend und doch ein wenig schmunzelnd in unseren Lebenslauf auf 😉 Dafür gab es natürlich, trommelwirbel, Schnaps!
Tobi wurde zum „Kletterer mit den am schlimmsten aussehenden Fingern“ gewählt – defintiv wohl verdient! Der Schnaps brennt auf jeden Fall ordentlich in seinen offenen Wunden.

Mit dem guten Selbstgebrannten Pic: David Lemmerer

Nach einer Woche waren die Finger also durch, das Festival zu Ende und unsere Vorräte neigten sich dem Ende zu.

Schweren Herzens stiegen wir in unsere Autos und machten uns auf den Weg zurück in die Zivilsation.

Bosnien! Es war uns eine Ehre. Wir kommen wieder, versprochen!

Wer Infos und/oder Topos zu Bosnien sucht wird auf www.extremebl.com fündig. Und falls Ihr nicht alle Infos finden solltet, schreibt die Jungs (und Mädels) einfach an. Sie sind alle super nett sehr hilfsbereit.