Wenn man gerade durch hippe Reiseblogs stöbert oder mit dem Hashtag #Travel durch Instagram scrollt, wird man ganz sicher auf die Lofoten stoßen. Die Inselgruppe in Nord-Norwegen ist angesagt – bei Rentnern und Familien ebenso wie bei Radfahrern, Wanderern und natürlich bei uns Kletterern. Die Kombination aus schneebedeckten Gipfeln und karibischen Sandstränden zieht Touristen magisch an. Kein Wunder also, dass auch wir uns davon in den Bann ziehen ließen und den eeeeeeewig weiten Weg in Richtung Norden antraten.

Eine Ewigkeit bis an die Sonne

Ungefähr 35 Stunden fährt man laut GoogleMaps von Berlin aus bis nach Svolvaer, der größten Stadt der Lofoten. Wir entschieden uns dafür diese so schnell und effizient wie möglich hinter uns zu bringen, damit wir möglichst früh und zur wettersichersten Zeit (= früher Juni) auf den Lofoten ankommen. Für uns und unser Wohnmobil hieß das sechs Tage Dauerautofahrt durchs östliche Schweden und Norwegen. Die spannendere aber auch längere Strecke über die Westküste wollten wir uns für den Rückweg aufheben.

Die Fahrt wurde zum Kraftakt der nicht nur auf die Gelenke, sondern vor allem auf die Laune schlug. Die niemals endenden Nadelwälder und die kerzengeraden Strecken ermüdeten das Auge schnell und die schwedischen Radiosender spielten Miley Cyrus und Arianna Grande in Endlosschleife. Gab es in dieser grenzenlos grünen Welt einen Gott? Wenn ja, warum ließ er mich zum millionsten Mal beim erotisch gesäuselten „Me and you in Malibuuuuuuuuuu“ aus den Lautsprecherboxen zusammenzucken? Hier also der erste Tipp: falls ihr den Weg per Auto wählt, nehmt ausreichend Musik, Hörspiele und Podcasts mit. Es sei denn natürlich die oben beschriebenen Damen entsprechen genau eurem Musikgeschmack.

Dem Nervenzusammenbruch nahe erreichte uns gerade noch rechtzeitig die rettende Nachricht unserer Bekannten, die ebenfalls gerade auf den Lofoten zum Klettern und Bouldern waren:

„Kommt schnell, hier scheint seit 96 Stunden die Sonne :-)“

Da war es: Das EINE Gut-Wetter-Fenster für das die Lofoten unter Einheimischen berühmt berüchtigt sind. Verpasst du dieses Wetter-Fenster steigt die Wahrscheinlichkeit eines regenreichen Aufenthalts um nahezu 90%. Das war die Motivation die wir brauchten: Wir gaben Gas! In einem letzten Aufbäumen trugen uns die ramponierten Nerven und die durchgesessenen Knochen in unserer Nouki durchs schneebedeckte Lappland. Vorbei an Rentieren und Eisfischern ging es über die norwegische Grenze – die wir fast übersehen hätten. Und nach nochmaligen vierzehn Stunden „Durchfahren“ kamen wir bei 17 Grad und strahlendem Sonnenschein um kurz vor Mitternacht auf den Lofoten an … und wurden umgehauen!

Monotone Strecken durch Schweden
Eisfischer und meterhoher Schnee in Lappland

Oh du unbeschreibliche Schönheit

Durch unsere Sonnenbrillen blinzelten wir in die Welt hinaus. Die kleine Landstraße wand sich um malerische Buchten und grüne Lagunen. Tausende kleine Inseln sprenkeln das Meer grau. Die Schatten Blau, das Licht ein warmes Gelb. Die schneebedeckten Gipfel glänzen im Sonnenlicht. Ist es wirklich schon nach Mitternacht? Von Anfang an war klar: die Lofoten halten nicht nur was sie versprechen, sie toppen es. Der erste Elch unserer Reise macht diese Begrüßung dann perfekt: eine Elchkuh steht gemächlich am Wegesrand bis wir mit unserer Kamera herannahen – Zack verschwindet sie in den Büschen.

Sonne, Berge, Meer, Inselchen, Schnee
Unser erster Elch

Die Straßen sind zu dieser Uhrzeit so gut wie leer, doch in jeder Parkbucht oder erreichbarem Meereszugang stehen bereits etliche Wohnmobile. Die Lofoten sind kein Geheimtipp mehr und obwohl es noch Nebensaison ist, herrscht hier tagsüber ein hektisches Treiben auf den Straßen. Reisebusse, Fahrradtouristen, Wohnmobile, Mietautos. Wer die einsame Weite sucht ist auf den Lofoten falsch.

Unsere schönsten Stellplätze

Vorab: Ich schreibe hier über die wohlbekannten und auch in mehreren Führern ausgeschilderten Stellplätze, weniger bekannte Orte müsst ihr selbst entdecken.


Kallebukta

Die Kallebukta mit Vagakallen und Lillekallen

Unser Basecamp wird die unter Kletterern schon lange bekannte Kallebukta. Die schöne abgelegene Bucht verfügt über einen Wasseranschluss und zwei dezent duftende Plumsklos, Parkplätze und einer Wiese auf der Zelte aufgeschlagen werden können. Kein Wunder also, dass hier fast alles belegt ist und man praktisch Kopf-an-Kopf mit den Nachbarn schläft. Tagsüber vergnügen sich bei gutem Wetter auch die Einheimischen in der sensationellen Badebucht und das Klettergebiet mit dem passenden Namen „Paradiset“ liegt zu Fuß knappe zehn Minuten entfernt. Hier gibt es Trad-Routen und Boulder en masse.

Frühstücksview
Die Hurtigruten zieht jeden Abend vorbei
Der Pfad hinauf zum Glamtinden

Bei strahlendem Sonnenschein und Temperaturen um die 25 Grad verbringen wir erfrischende Tage im kühlen Nass und erkunden die Umgebung auf langen Spaziergängen und Wanderungen. Zu unseren Eroberungen zählt auch der Glamtinden, einer der schönsten Gipfel der Lofoten, den man von der Kallebukta aus auf einem ausgesetzten aber gut begehbaren Pfad in zwei Stunden erreichen kann. Um Punkt 21 Uhr läutet das Hupen der „Hurtigruten“ – dem legendären Lofoten-Postschiff – den Abend ein.


Rorvika

Blick auf die weiße Bucht, die sogar über eine Gartendusche verfügt

Ein paar Fahrminuten weiter befindet sich das nächste Stellplatz-Highlight: Rorvika-Beach! Hunderte Meter kann man in das seichte Wasser laufen ohne dabei auch nur mit der Hüfte die Wasseroberfläche zu berühren. Hier befindet sich der perfekte Ausgangspunkt für Mehrseillängentouren. Nach erschöpfenden acht Seillängen in der nicht empfehlenswerten „Rock´n`Roll-Ridge“ mit gruseligem Abstieg schmeckt die teuer erstandene Cola noch besser! Das kleine traumhafte Fischerdörfchen Henningsvaer liegt auch nur wenige Kilometer entfernt.

Über mehrere kleine Inseln verstreut erheben sich die typischen roten Häuschen aus dem Grau der Felsen. Kleine Brücke verbinden die einzelnen Inselchen und lassen so ein einzigartiges Dorf enstehen. Wir warten mit unserem Besuch bis nach 19 Uhr – dann haben bereits die meisten Läden und Cafés geschlossen und die  Touristen sind verschwunden. Man kann sich den Massen durchaus entziehen – dann erlebt man die Lofoten als wilde Schönheit mit viel Freiraum für die Seele.


Hauklandstranda

Trotz Wolken karibischer Flair

Wir fahren weiter Richtung Westen. Nach einem ausgiebigen Besuch im größtem Sportklettergebiet der Lofoten „Eggum“ verbringen wir weitere Nächte am Hauklandstranda. Der weiße feine Sand bedeckt nicht nur die Parkbuchten und Sanitäranlagen, er schleicht sich natürlich auch ins Wohnmobil und man kommt mit dem Fegen gar nicht mehr hinterher. Etliche Schafe mähen einen in- und aus dem Schlaf, die Wellen brechen sanft am Strand. Auch in der Nähe: Die nördlichste Surfschule der Welt 🙂 Eine Truppe Anfänger hat hier gerade seine ersten Stehversuche im Weisswasser.

Stop and Go auf den engen Straßen
Idyllischer Stellplatz direkt am Meer

Das alles klingt nicht nur traumhaft, es ist traumhaft. Und wirklich Jeder den wir getroffen haben hat bestätigt: Die Lofoten besucht man nicht nur einmal. Auch wenn man im Supermarkt für eine 80 g Packung Salami gut und gerne mal 7 € hinblättert und der Liter Diesel für 1,60 € zu haben ist. Deshalb haben wir schon vor unserer Ankunft in Norwegen fleißig gehamstert: Das Auto haben wir noch in Schweden schön mit Vorräten voll geladen und in Norwegen selbst nur nach Angebot eingekauft. Schließlich sind wir noch einige Monate unterwegs und Norwegen nagt doch etwas am Budget.

Das Highlight: Simon lernt uns das Trad-Klettern

Als Kletterer wollen wir auf den Lofoten natürlich Klettern! Und an Felsen gibt es eine gigantische Auswahl, … WENN man mit Selbstabsichern vertraut ist. Denn sowohl die teilweise hunderte Meter hohen Granitwände als auch die Einseillängentouren sind zu 100% hakenlos. Zwar gibt es ganz vereinzelt mal eine Sportkletterlinie oder eine Mischung aus Trad und Bohrhaken, als Sportkletterer kommt man aber nicht weit. Wir sitzen also auf Kohlen! Denn wir haben einen individuellen Intensiv-Zweitageskurs nur für uns organisiert! Und unser Mountain-Guide Simon mit seiner kleinen Bergschule Hoyfjellsguiden ist ein absoluter Glücksgriff.

Mit seinem Wohnwagen zieht er kurzerhand an die Kallebukta und ist mit wachsamen Augen und seiner geduldigen Art ein hervorragender Lehrer. Pünktlich zum Kurs ändert sich natürlich das Wetter und es schüttet wie aus Eimern! Wir kommen am ersten Tag trotzdem mit einem fetten Grinsen nach Hause. Simon hat uns aufgrund unserer Klettererfahrung gleich vorsteigen lassen und wir haben eine große Freude daran unsere Gliedmaßen in Risse zu stopfen. Unglaublich wie befriedigend das sein kann! (Anmerkung von Chris: die zwei Sätze davor kommen nicht von mir…)

Am nächsten Tag, der auch gleich der letzte Kurstag ist, gibt es die Feuertaufe: Fünf Seillängen, 100 % Trad-Mehrseillängentour. Alte Hasen im Trad-Business mögen darüber schmunzeln, aber ich habe vor lauter Aufregung in der Nacht kaum ein Auge zugetan. Bei leichtem Nieselregen stehen wir also am Einstieg und die ersten Meter auf einer feuchten Riss-Reibungsplatte gestaltet sich anspruchsvoll. Nach ein paar weiteren Metern haben wir uns aber eingegroovt und genießen tolle Kletterei und ausgesetzte Positionen im Vorstieg. Simon ist wie immer voll bei der Sache und hängt im Fixseil immer direkt neben uns. Sehr beruhigend jemanden neben deinem Ohr zu haben der dir im entscheidenden Moment gut zureden kann. Das hätte ich beim Sportklettern auch gerne einmal 😉 Die Standplätze werden immer schneller gefunden und das Vertrauen in das selbstgelegte Gear wächst und wächst. Am Ausstieg bekommen wir von unserem Mountain-Guide noch ein paar Bergungstechniken mit auf den Weg. Dann entlässt uns Simon am Abend bedenkenlos in die „Selbstständigkeit“.

In den nächsten Tagen vertiefen wir unsere neu erlernten Fähigkeiten in etlichen Einseillängentouren und ein paar Mehrseillängenrouten. Es braucht einige „Arschbackenzusammenkneifer“ bis ich so bedenkenlos von meinem Gear weg klettern kann wie ich es während des Kurses getan habe. Alleine gibt es eben keinen Simon neben mir, keine rettende Bandschlinge die im Ernstfall einfach in deinen Gurt gehängt werden kann. Ganz anders fühlt sich aber vor allem der Standplatzbau an. Denn wenn ich „Stand“ rufe bin ich schließlich nicht nur für mich verantwortlich, sondern eben auch für den Freund der da unten nichts ahnend nachsteigt. Wir bauen und bauen also und sind mehr als gründlich bei der Wahl des Gears und der Positionierung im Fels. Kaum verwunderlich, dass wir kaum mehr als eine handvoll Routen am Tag „schaffen“ uns aber abends richtig kaputt fühlen. Jede neue Tour ist vor allem mental eine neue Herausforderung die es zu bezwingen gilt und deren meistern uns auch in den kommenden Monaten sehr viel Freude bereiten soll. Und so fällt uns der Abschied nach ereignisreichen Wochen zwar schwer, aber die Vorfreude auf neue Abenteuer in anderen europäischen Gefilden überwiegt.

Auch wenn die Wetterbilanz zum Schluß eher durchwachsen und die Fahrerei super anstrengend war, sind wir froh die Lofoten auf unserer Reise besucht zu haben. Ein solches Zusammenspiel an Naturschönheiten haben wir bisher noch Nirgendwo sonst gesehen.
Bekanntlich können Orte durch den Menschen ja „Zu Tode geliebt“ werden. Das heißt, dass manche Orte so große Beliebtheit erfahren, dass die Menge an Besuchern diesem „geliebtem“ Ort auf Dauer schadet. Die Lofoten könnten eben einer dieser Orte werden. Denn ins Paradies wollen wir schließlich alle, oder?